VideospielMusikWissenschaft

Forschungsgemeinschaft VideospielMusikWissenschaft

17.02.2024

Ver. 1.0

Rezension: „A journey to embrace the world“

Das NieR:Orchestra Concert. 12024 [the end of data] in Berlin

Tim Reichert

Über den Beitrag

Open Access

Text-Lizenz: CC-BY.

Herausgegeben von der Forschungsgemeinschaft VideospielMusikWissenschaft.

Empfohlene Zitierweise: Tim Reichert, „A journey to embrace the world“. Das NieR:Orchestra Concert. 12024 [the end of data] in Berlin, Ver. 1.0, veröffentlicht 2024, hrsg. von der Forschungsgemeinschaft VideospielMusikWissenschaft, HTML-Format.

Die Nummerierung am Anfang jedes Absatzes kann stellvertretend für Seitenzahlen genutzt werden.

[1] Konzertante Auftritte von Videospielmusik sind glücklicherweise keine Seltenheit mehr. Von Zelda bis Tetris konnte man bereits vieles auf deutschen Bühnen erleben. Die Musik der NieR-Serie erreichte uns dieses Jahr jedoch erstmalig. Die Nachfrage war weltweit so groß, dass einen Monat nach Ticket-Verkaufsstart Zusatzkonzerte angekündigt wurden, womit das NieR:Orchestra Concert. 12024 [the end of data] sowohl am 10.02.2024, als auch am 11.02.2024 im Tempodrom in Berlin besucht werden konnte. Da die entsprechenden Karten ursprünglich innerhalb weniger Minuten ausverkauft waren, war die Freude über diese Nachricht bei den deutschen Fans sicherlich enorm. Den Enthusiasmus für das Konzert sah man den BesucherInnen an, noch bevor man das Gebäude betrat: Einige trugen Cosplay, andere T-Shirts mit entsprechenden Aufdrucken oder Accessoires. Nachdem man sich an der langen Schlange vor dem Fanartikelverkauf vorbeigedrängt hatte, fand man sich in der großen Konzerthalle. Direkt ins Auge sprang die Leinwand, welche über der Bühne hang. Unter ihr saßen ein großes Orchester, sowie ein gemischter Chor.

[2] Während die Letzten noch mit ihren Einkäufen ihre Plätze suchten, wurde der Dirigent Eric Roth mit Beifall begrüßt. Er hieß das Publikum an Stelle des musikalischen Leiters und Komponisten der Spiele, Keiichi Okabe, willkommen, bevor er sich dem Ensemble zuwandte. Musik hörte man zunächst jedoch nicht. Stattdessen erklangen die Stimmen von 9S und 2B, zwei Figuren aus dem Videospiel NieR: Automata, gesprochen von ihren englischen SynchronsprecherInnen Kyle McCarley und Kira Buckland. Besonders war, dass der Regisseur der Spiele, Yoko Taro, ein kurzes Szenario geschrieben hatte, das nach den Ereignissen von NieR: Automata spielt: 9S und 2B wachen nach „Ending E“ auf. 2Bs Black Box ist jedoch beschädigt. Um sie zu reparieren, begeben sie sich auf eine Reise, stoßen auf ein Alienraumschiff und lernen von den Ereignissen aus dem Spiel NieR Gestalt/Replicant. Zwischen den Stücken, teilweise auch währenddessen in schriftlicher Form auf der Leinwand, wurde diese Handlung als Hörspiel vorgetragen. Wer zumindest das Spiel NieR: Automata nicht kannte, konnte die Erzählung jedoch schwer nachvollziehen. Aber sie diente nicht nur der Abwechslung oder dem Fanservice. Sie begründete auch, wieso das Konzert Musik aus beiden Spielen beinhaltete. NieR: Automata und NieR Gestalt/Replicant trafen nicht nur musikalisch, sondern auch erzählerisch im Hörspiel aufeinander.

[3] Bevor die Musik selbst kommentiert wird, ist es lohnend, kurz die erwähnte Leinwand und was auf ihr gezeigt wurde, zu kommentieren. Dass bei Film- und Videospielkonzerten Ausschnitte aus den jeweiligen Medien eingeblendet werden, ist keine Neuheit. So wurden auch hier Zwischensequenzen aus den Spielen angeworfen oder Screenshots animiert. Was man leider vermisste, obwohl man es bei einem Videospielkonzert hätte erwarten können, waren Gameplaysequenzen. Die Filmsequenzen waren sparsam eingesetzt und Animationen minimalistisch. Selbst wenn Text während den musikalischen Darbietungen eingeblendet wurde, war er in der Regel spärlich und verschwand langsam. Sie riefen die entsprechende Stimmung hervor, ohne von der Musik abzulenken. ZuschauerInnen auf den äußeren Rängen konnten diese visuellen Dimensionen leider nicht in vollem Umfang genießen: Ihnen wurde durch die Lautsprecher die Hälfte der Sicht verwehrt. Das hauptsächliche Problem daran war, dass teils auch während den Stücken Text angeworfen wurde, der Relevant für die Handlung des Hörspiels war. Da er nicht vorgelesen wurde, verpasste man einen Teil der Erzählung. Abgesehen davon, sorgten die Lautsprecher aber dafür, dass der Klang gut durch den Raum getragen wurde und man selbst am Rand ein gutes Hörerlebnis hatte. Sie knisterten anfangs noch, das Problem wurde aber im Laufe des Konzerts behoben.

[4] Schließlich stimmte der Dirigent das erste von insgesamt 21 Stücken (siehe Tab. 1) an: „Crumbling Lies“. Man kann es nicht anders beschreiben als einen bombastischen Konzertbeginn – die große Trommel kam, wie auch bei vielen anderen Stücken, stark zum Einsatz und schaffte eine aufregende Atmosphäre, die sich durch die gesamte Aufführung zog. Roth dirigierte lebhaft, was bei intensiven Stücken wie diesem die nötige Energie vermittelte. Sobald das zweite Stück „City Ruins“ erklang, konnte man bereits einschätzen, wie viel Freiheit beim Arrangement genommen wurde. Im Original ist eine Solostimme zu hören, hier wurde ihre Rolle vom Chor gefüllt. Dasselbe trifft auf „Amusement Park“ und „Emil“ zu. Dadurch wirkt die Textur dichter, epischer, aufregender. Es wird eine neue Perspektive auf diese Stücke geboten. Besonders positiv fielen die Anfänge von „Shadowlord“ und „Emil“ auf. Im Gegensatz zum Original bestanden sie jeweils aus einem alleinstehenden Blechblasensembleintro und einem Cello, das von Pizzicato-Streichern begleitet wurde. Diese neuen Texturen sorgten für ein frisches Hörerlebnis.

Tab. 1: Setlist des Konzerts.

1.

Crumbling Lies

2.

City Ruins

3.

Snow in Summer

4.

Song of the Ancients

5.

Amusement Park

6.

Deep Crimson Foe

7.

Gods Bound By Rules

8.

Shadowlord

9.

Copied City

10.

Emil

11.

A Beautiful Song

12.

Forest Kingdom

13.

Possessed by Disease

14.

Fleeting Words

15.

Dark Colossus

16.

The Sound of the End

17.

Bipolar Nightmare

18.

Mourning

19.

Ashes of Dreams

20.

Weight of the World

21.

Kainé

[5] Das dritte Stück, „Snow in Summer“, ist eine gute Gelegenheit, um über den Umgang mit der dynamischen Musik der Spiele zu berichten. In NieR Gestalt/Replicant und NieR: Automata passt sie sich an die Position der Figuren an oder daran, ob sie sich gerade im Kampf befinden. Um während dem Konzert sowohl die ruhigen als auch die intensiven Varianten hören zu können, begannen sie meist minimalistisch und wuchsen zum Ende hin mit dem Dazukommen von mehr und mehr Instrumenten an Intensität, so auch in „Snow in Summer“. Das ist keine neue Lösung, auf den Alben ist es ähnlich gehandhabt worden. Es ist aber eine effektive Art, um die Stücke in all ihren Fassetten vorzustellen. Was man sich nicht abschauen konnte, waren die Schlüsse. Im Spiel erklingen sie endlos, auf den Alben werden sie ausgeblendet. Beide Optionen sind mit einem Liveorchester schwer realisierbar. Stattdessen wurden die Stücke meist entweder mit einem Crescendo oder einem Sforzato auf der Tonika zu beenden. Die Intensität dieser Schlüsse war sehr wirksam, schien nach mehreren Malen jedoch repetitiv.

[6] Vor dem vierten Stück, „Song of the Ancients“, wurden die Sängerinnen Emi Evans und J’Nique Nicole mit jubelndem Applaus auf der Bühne begrüßt. Dieser Moment war wie ein zwischenzeitlicher Höhepunkt. Ihre Stimmen umspielten sich, sie wandten sich im Duett einander zu, hielten Augenkontakt und blickten wieder in den Zuschauerraum. Nachdem sie abtraten, waren sie eine Weile nicht wieder zu sehen. Sie traten wieder für „A Beautiful Song“, „Ashes of Dreams“, „Weight of the World“ und Evans allein für „Fleeting Words“ und „Kainé“ auf. Vor allem die Lieder, die den Schluss des Konzerts bildeten, waren äußerst inspirierend. Von den verschiedenen Varianten von „Ashes of Dreams“ und „Weight of the World“, welche in unterschiedlichen Sprachen und Pseudosprachen existieren, wurden jeweils die englischen gesungen. Auf diese Weise konnte ein großer Teil des Publikums ihren Inhalt nachvollziehen. In den Spielen sind bei diesen Varianten entweder nur Evans („Ashes of Dreams“) oder nur Nicole („Weight of the World“) zu hören. Beim Konzert trugen sie beide Stücke zusammen vor, womit ihre emotionale Wirkung enorm gestärkt wurde. Was diese Musikwahl und ihre Platzierung in der Setlist besonders eindrucksvoll machte, war, dass es sich hierbei um die Schlussstücke von jeweils NieR Gestalt/Replicant und NieR: Automata handelt. Während sich das Konzert dem Ende zuneigte, wurden Erinnerungen an die finalen Momente der Spiele und mit ihnen auch starke Emotionen hervorgerufen. Während der Zugabe „Kainé“ wurden auf der Leinwand die musikalischen Meilensteine der Serie chronologisch eingeblendet, darunter die Veröffentlichungsdaten der Spiele, der CD-Veröffentlichungen und der Konzerte. Das lange Bestehen der Franchise wurde vor Augen geführt. Zum Schluss wurden den Beteiligten lautstark applaudiert. Die größte Reaktion, fast schon einen Tumult, löste jedoch der Auftritt des Regisseurs der Spiele Yoko Taro aus. Er trug seine ikonische Maske, wegen der er kaum etwas sah, und wurde vom Produzenten Yosuke Saito stolpernd auf die Bühne geführt. Zusammen mit Evans und Nicole bedankten sie sich herzlich beim Publikum, teils auf Englisch, teils auf Deutsch, und verabschiedeten sie in die Nacht.

[7] Es ist keine Übertreibung zu sagen, dass das Konzert bei den Fans auf die positivste Weise einschlug. Der Dirigent und die Interpreten waren sehr enthusiastisch und erweckten mit ihrer Aufführung die intensivsten Gefühle. Aufregung füllte während den energiegeladenen Partien den Raum, während die traurigen einem Tränen in die Augen trieben. Als Fan der Serie wird man mit voller Überzeugung sagen können, dass dieses Erlebnis die eigene Wertschätzung für die Spiele und Musik immens gestärkt hat. In den nächsten Wochen wird das Konzert in London, Barcelona, Paris, Bangkok, Atlanta und Orlando erlebbar sein. Die Mitwirkenden setzen hierbei eine Reise fort, die die Schlussworte des Hörspiels gut widerspiegeln: „A journey to embrace the world“.

Über den Autoren

Tim Reichert (B. A.) studierte Musikwissenschaft und Slavistik an der Eberhard Karls Universität Tübingen mit Neigung zu Digital Humanities. In seiner Bachelorarbeit beschäftigte er sich mit der bibliographischen Angabe von Videospielmusik am Beispiel von Mega Man X3 (1995). Weitere Interessensgebiete sind die Verwendung von russischer und russisch kodierter Musik in Videospielen, das Audiosystem der PS1 und Musikgenres in asiatischen Rhythmusspielen. Zurzeit schreibt er seine Masterarbeit zu Liedern in Pseudosprachen am Beispiel von NieR Replicant ver.1.22474487139… (2021). Neben der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Videospielmusik arbeitet er als Komponist, Sound Designer und Audio Director an diversen Videospielprojekten mit.